Tanzmusik im Ausgang – ein Einklang oder doch ein Ausklang des Eigenen?
Der persönliche Rhythmus und der Tanzrhythmus
Rhythmen wurden in der Evolution möglicherweise zuerst mit dem Gleichgewichtsorgan wahrgenommen. Es ist das Organ, welches das Schwanken und Drehen, das Taumeln und Tanzen eines Körpers in der Welt registriert und korrigieren hilft. Wie das Gehen ist auch das Tanzen ein Wechsel einer Ausfallbewegung mit einer Abfangbewegung. Tanzen ist ein Spiel mit der beherrschbaren Instabilität. Der Körper der tanzt, ist mit seinem Gleichgewichtsorgan ein Meister des gewollten Ungleichgewichts.
Rhythmus hat beim Menschen die Tendenz, von selbst zu entstehen und auf die eine oder andere Weise einfach da zu sein, in der Wiederholung von Bewegungen beispielsweise. Es zeigt sich Spazieren in den Beinen und in den Armen oder beim Zähneputzen mit der Bewegung des Unterarmes. Er ist beim Kratzen im Haar auf die Krümmung eines Fingers beschränkt und durchzieht den Körper beim Schwimmen der Länge nach. Der Rhythmus der Körperbewegung unterscheidet sich von Rhythmen im Tanz – (innerhalb der Vorgabe vom Tempo). Er bleibt nicht konstant. Der Körper neigt dazu sich fremden Rhythmen anzupassen, die gleichzeitig zu hören, zu sehen oder zu spüren sind. Wenn man dem tanzenden Körper die Gelegenheit gibt, in einem wilden Musikrhythmusmix sich zu bewegen, variiert er und fluktuiert er. Wenn der Zuschauer(körper) in einem Schlussapplaus einer Oper sich befindet, dann wird er im Diktat der immer schneller klatschenden Zuschauer ebenfalls schneller applaudieren.
Viele können sich unter einer tänzerischen Bewegung, die ohne Musik und nur aus dem eigenen Rhythmus vonstatten geht, gar nichts vorstellen. Wer kennt aber die Situation nicht: Sie haben soeben die Zusage zu einem Traumberuf bekommen, oder ein guter Freund hat soeben eine Meisterschaft gewonnen. Dann beginnen Sie zu tanzen. Aufgrund der Botschaft schwappt unsere Gefühlswallung über die Grenzen der Innerlichkeit hinaus, und endet in einem Freudentanz quer durch die Wohnung. Das ist ein Tanz nach dem persönlichen Rhythmus.
Discofox-Musik an den Turnieren und im Ausgang
Im Zuge der geschichtlichen Entwicklung der Musik im Discofox und vor allem der Unterhaltungsindustrie hat sich auf der Tanzfläche des Discofox die monorhythmische Struktur (z.B. Techno, Schlager) gegenüber einer polyrhythmischen (z.B. R`n`B, Funk oder Musik afrocubanischen Einflüssen) durchgesetzt. In den Discos/Clubs/Turnieren bieten die rhythmischen Strukturen leider kaum Abwechslung. Mit einer unveränderlichen Betonung (meistens auf die Eins im Takt) wiederholt sich das rhythmische Geschehen ohne Abwandlung, ohne Modifikation bzw. Weiterentwicklung. Mit diesem Einbruch auf die Eins geschieht für die eigene Körperbewegung auch der Zusammenbruch. Eine ursprünglich freie und lustvolle Bewegung wird eine Notwendigkeit zur Betonung auf den ersten Taktschlag oder den ersten Schlag innerhalb eines Rhythmusbogens – so im Discofox – verschoben. Anstatt die Bewegung IM Körper, wird die Bewegung IM Raum dominant. Der Tanzende im Discoox glaubt durch die Musik seinen eigenen Tanzrhythmus zu finden, aber was er wirklich findet und befolgt, ist die Konditionierung durch diese binär gespielte Musik, welche den Beat auf die 1 betont. Wenn man Tanz als ein lebendiger Prozess ansehen möchte dann kann er dies nur sein, wenn man diese Diktatur dieser monorhythmischen Kultur überwindet und eine Sensibilität für den Rhythmus so entwickelt, dass mit ihm frei gespielt werden kann.
Es wäre wünschenswert, wenn Tanzschulen in ihren Klassen immer mehr auf diese „einfache“ Musik verzichten würden, und innerhalb des Kurses via Gehörschulung die Tanzenden in den Zauber der Rhythmusgestaltung begleiten würden. Ich bin mir auch sicher, dass die DJ`s es begrüssen würden, wenn sie endlich wieder Musik spielen dürften, die etwas anspruchsvoller ist, als die 4/4tel Taktdrescherei (Takt kommt vom lateinischen und meint „schlagen“) die im Moment gespielt werden muss.
Welche Musik ist meiner Meinung nach Musik, die den Körper auf vielen Ebenen und verschieden berührt? Es ist: R`n`B, Funk, Soul, diverse Pop, Blues und hie und da eben mal zur Abwechslung ein Stück, das mich von Zeitpunkt zu Zeitpunkt kommandiert.
Roland Haller